… da gibt’s keine Palmen

Heute war ich im Sauerland und habe Joachim Gerhard besucht. Neben einigen „dienstlichen“ Angelegenheiten habe ich mich vor allem auf die Gelegenheit gefreut, mal ein paar Blicke und Ohren in die ganz private Hexenküche des bis dato in erster Linie als begnadeter Lautsprecherentwickler bekannt gewordenen Briloners (Audio Physic, Sonics und viele mehr) werfen zu dürfen. „Bis dato“ deshalb, weil Joachims Interesse für Elektronik wieder erwacht ist und er derzeit Phonovorstufen- und Kopfhörerverstärkerentwürfe raushaut wie kein Zweiter. Bei vielen Entwicklern habe ich ja so meine Bedenken, wenn sie mir was von „jahrelangem Ausprobieren und Annähern ans Ideal“ erzählen, bei Joachim allerdings kann man das getrost für bare Münze nehmen; er dokumentiert sein äußerst leidenschaftliches Tun nämlich recht gründlich auf diyaudio.com.

Seine aktuelle Anlage, bestehend aus einem Spiral Groove-Plattenspieler mit Lyra Titan, jeder Menge selbstgebauter Elektronik und sicherlich nicht klassisch hübschen Open Baffle-Lautsprechern geht klanglich wie die Hölle: Dynamisch brutal, vom Timing auf den Punkt und tonal beeindruckend offen und direkt. Sicher nicht jedermanns Sache, mein Ding ist solcherlei „Voll-auf-die-Zwölf“-Sound aber hundertprozentig. Da freut’s mich doch ganz besonders, dass Joachim und Setup zum Frickelfest kommen!

14 Gedanken zu „… da gibt’s keine Palmen

  1. JJ

    Schön gemütlich hat`s der Joachim. Sehr interessant mal zu sehen, womit der Profi-Frickler so zu Hause hört, der für meine Lautsprecher als White Line Edition 14.000 Ocken aufruft. Ist in der Waschmaschine der Subwoofer versteckt? Was ist das auf Bild 5 auf der linken Seite für ein Konstrukt?

    Gruß, Jürgen

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  2. JJ

    Schon erstaunlich, mit wie wenig Aufwand man sich die Musik intravenös verabreichen kann, wenn man was von der Sache versteht. Und auch ganz aufschlussreich, wie verschieden die Ansätze sind, wenn es statt um`s Geld verdienen nur um`s eigene Vergnügen geht.

    Gruß, Jürgen

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  3. hb Beitragsautor

    Hi Jürgen,
    so wenig Aufwand ist das Joachim zur Folge nicht. Der Breitbänder ist das Ergebnis von 140(!) Prototypen.

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  4. JJ

    Hi Holger,
    das hätte ich jetzt nicht gedacht. Eigentlich hätte ich geglaubt, dass ein professioneller Lautsprecherentwickler/Produzent die Messschriebe so ziemlich aller am Markt verfügbaren Treiber (und bei Breitbändern sind es ja nicht so viele, wenn man von historischen mal absieht) zur Verfügung stehen, sodass er relativ gezielt an die Sache herangehen kann. Und die Größe der Schallwand zum Treiber kann einer wie Joachim Gerhard bestimmt im Kopf ausrechnen.
    Aber mit wenig Aufwand meinte ich eigentlich den rein handwerklichen Teil, zumal er offensichtlich keinen besonderen Wert auf optische Ästhetik gelegt hat.

    Was mich noch ein wenig wundert ist, dass er bei Audio Physik bzw. Sonics ausschließlich Kisten gebaut hat. Wenn er so vom Open Baffle Prinzip angetan ist, hätte er doch mal ein Modell für die Single Ended – Breitband-Gemeinde auf den Markt bringen können. Das bringt zwar nicht die Stückzahlen, aber Andere (Jamo, Black Forest) tun es doch auch. Oder ist die Gefahr, dass alle Welt es nachbaut und nicht kauft zu groß, wenn man keine propietären Treiber verwendet? Wenn ich die aufwändigen Gehäuse von Black Forest anschaue, denke ich eher nicht.

    Gruß, Jürgen

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  5. JJ

    Hi Holger,

    stelle gerade fest, dass es keine Editierfunktion gibt. Dann musst Du halt mit meinem grammatilkalisch bedenklichen Text leben.

    Gruß, Jürgen

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  6. hb Beitragsautor

    Hi Jürgen,
    die Daten aller verfügbaren Treiber hatte JG sicherlich – nur war wohl nix dabei, was ihm gefallen hat. Deshalb musste ein eigenes Chassis her. Letztlich dabei herausgekommen ist eine Kombination von Teilen ziemlich unterschiedlicher Herkunft; die Membran aus Frankreich, Korb und Alnico-Antrieb sehen ziemlich nach Seas Exotic aus. Wenn man sowas bauen will, also einen gleichzeitig verzerrungsarmen, breitbandigen, linearen und auch noch lauten Treiber, dann kommen 140 Prototypen ganz schnell zusammen, bevor das Ding auf den Punkt sitzt.
    Das ganze Konstrukt ist kein kommerzielles Design, und das sollte es auch nicht werden. Du kannst heutzutage niemandem solche Bretter anbieten – das kauft keiner. Sowas geht nur im stillen Kämmerlein, und abgesehen davon ist der Sound davon auch auch in keiner Weise kundenkompatibel ;-).

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  7. JJ

    Hi Holger,

    dass der Sound nicht Kundenkompatibel ist, kann ich mir durchaus vorstellen. Ich bin früher oft zum Windsurfen nach Südfrankreich gefahren. Dort ist mir aufgefallen, dass die Franzosen offenbar eine Vorliebe für Lautsprecher mit reichlich Spaßfaktor haben. In fast jedem Lokal hat`s echt geil geklungen. Das hat mich schwer in`s Grübeln gebracht. Die Krönung wr ein Ereignis in Le Lavandou. Als wir abends am Fenster einer ziemlich großen Eckkneipe vorbeigingen, setzte plötzlich die Musik ein. In dem Moment war meine Entscheidung gefallen, das musste ich haben! Meine Frau dachte wohl ich spinne, als ich mit einem Affenzahn in die Kneipe gestürmt bin und dann blöd aus der Wäsche geschaut habe, weil dort eine Band spielte.

    Jetzt bin ich in der Versuchung, mich zum Frickelfest anzumelden. Aber erstens beziehen wir Mitte Mai ein neues Haus, sodass ich dazu wohl keine Zeit hätte. Und zweitens bin ich ein lausiger Frickler, der nichts Nenneswertes beizutragen hätte. Für mich wären es reine Lehrstunden und für den Rest der Truppe wäre meine Anwesenheit entbehrlich.

    Gruß, Jürgen

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  8. hb Beitragsautor

    Hi Jürgen,
    es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ich kann dir versichern, dass das Frickelfest jedes Jahr aufs Neue so inspirierend auch und gerade auf „Noch-nicht-Frickler“ wirkt, dass der Wunsch zum Selbermachen ununterdrückbar wird . Von daher – mach mal ruhig, es muss nicht jeder Equipment mitbringen.

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  9. hreith

    Hi Holger,

    „..Der Breitbänder ist das Ergebnis von 140(!) Prototypen…“
    ==> es kommt ja nicht auf die Anzahl an oder?
    Wenn es 70 (wegen Stereo) unterschiedliche gewesen wären und wenn er alle 4 Wochen neue bekommen hätte, dann hätte sich alleine das über 5 1/2 Jahre gezogen. In der Zeit ist die Spec sicher nicht konstant geblieben. So als Entwicklungsmethode ist das nicht wirklich tragfähig – als Spielwiese so nebenher .. naja, wenn’s Spaß macht.

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  10. hb Beitragsautor

    Hi Hubert,
    ja, ich freue mich auch, mal wieder was von dir zu hören…
    „…Wenn es 70 (wegen Stereo) unterschiedliche gewesen wären und wenn er alle 4 Wochen neue bekommen hätte, dann hätte sich alleine das über 5 1/2 Jahre gezogen…“
    Dem Vernehmen nach hat’s zwei Jahre gedauert. Und das wird nicht nach der Methode „Eine Bestellung, zwei Chassis“ gegangen sein. Eher wird man sich da Kleinserien mit Variationen des einen und/oder anderen Parameters fertigen lassen, dann geht’s auch schneller.

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  11. hreith

    Hi Holger,

    dem Vernehmen nach liefern Lautsprecherhersteller (oder Lieferanten von Teilen für Lautsprecher) selten das, was man bestellt hat.
    Man benötigt schon einige Anläufe bis die verstehen dass man dies oder jenes nicht nur so geschrieben hat sondern auch haben will.

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  12. Ulrich

    Also erst einmal Danke an Holger ,
    solche Sachen lese ich immer am liebsten ,ein Entwickler bei der Arbeit das will ich sehen ,ich selber bin user eines Produktes von so einem positiv verrückten .Solche Jungs sind es die den Unterschied ausmachen ,wenn ich dann noch sehe das sein Hörraum genau wie meiner aussieht finde ich das mehr als beruhigend ,so weiß ich das meine Meise kein Einzelfall ist .
    Gruß Uli

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  13. Joachim Gerhard

    Hi all ! Huch, ich schreibe schon wieder englisch. Wir überlegen im Moment ob wir den Breitbänder zum Selbstbau anbieten wollen. Die Schallwand kann man schöner machen. Ein Freund baut gerade ein System in Schiefer mit abgewinkelten \Schwingen\ und ich bekomme auch zwei Wände ab. Der Entwickler des Chassis baut gerade eine gebogene Wand, die nach hinten ab klappbar ist. Dann ist das ganze im \stillen\ Zustand nur 40cm breit.
    Meine amerikanischen Freunde von Immedia überlegen, ob es eine kommerzielle Version geben wird. Da gibt es deutlich mehr Hochwirkungsgrad Freaks und die Ammis sind nicht so Design sensibel. Große Häuser auf dem Land sind da auch viel preiswerter zu bekommen.
    Es sind tatsächlich 140 Versionen über einen Zeitraum von 2 Jahren gebaut worden. Das größte Problem war die Membrane. Wir haben alles probiert was irgendwie Erfolg versprach. Leider ist das alte Know How oft verloren gegangen. Friedemann Hausdorf von Visaton hat mir einiges geschickt und wir hatten 10 verschiedene Membranen von Dr.Müller. Wir haben sogar 3.90€ Chassis von Pollin zerlegt weil da eine ganz interessante Membran drin war. Aus Fern- Ost kam noch einiges und wir waren kurz vorm Aufgeben. Schließlich kam ein Anruf aus Italien von Dipl. Physiker Joseph Szall, der noch ein paar uralte Membranen bei Audax im Abfall gefunden hat. Diese über 50 Jahre alte Konstruktion brachte dann den gewünschten Erfolg und erfreulicher Weise wusste man noch, wie sie gemacht werden und auch die Schöpf Maschinen sind noch da.
    Alles in Allem, eine Kette von Zufällen kombiniert mit gnadenlosem Durchhaltevermögen. Die Alnico Magneten und der Korb sind nicht von SEAS, obwohl das ähnlich aussieht sondern werden nach Spezifikation gefertigt. Der Korb wird in Deutschland nach Zeichnungen des Entwicklers gefertigt. Es gäbe noch viel mehr zu sagen. Fragt ruhig. Die Konstruktion auf Bild 5 links ist ein passender X-Dipol Subwoofer den ich auf 30Hz – 3dB entzerrt habe.

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