European Triode Festival 2018

Machen wir’s diesmal etwas schlauer als sonst. Will sagen: Jetzt. Solange die Eindrücke noch frisch sind. Also das mit der Geschichte zum Event.
Das 2018er ETF ist das erste der neuen „Staffel“, die nach drei Jahren Dänemark in Frankreich ausgetragen wird. Genauer gesagt in der Normandie, in einem malerischen alten Dorf namens Bellême, unweit der berühmten Rennstrecke von Le Mans. Bellême deshalb, weil das seit ein paar Jahren der Wohnsitz von Tim Gurney ist, einem emigrierten Briten, den härteren Western-Electric-Fans vermutlich als Erbauer der „originalsten“ 12a/13a-Kopien bekannt, die für Geld und gute Worte zu haben sind. Und Betreiber des dazugehörigen Blogs 13Audio. Dank Tims bester Beziehungen zu Land und Leuten war dieses ETF das erste überhaupt, das nicht in der Abgeschiedenheit einer ansonsten unbevölkerten Ferienanlage ausgetragen wurde, sondern mitten im Leben, will sagen: mitten im Zentrum einer lebendigen Stadt. Was, das muss man neidlos anerkennen, ausgezeichnet funktioniert hat und von der Bevölkerung des ansonsten wohl nicht von allzuviel Tourismus heimgesuchten Örtchens durchaus goutiert wurde – jedenfalls waren einige der Würdenträger von Bellême da und hatten offensichtlich auch in den erfahrungsgemäß etwas härteren Abendstunden einer solchen Veranstaltung ihren Spaß.
Los ging’s für uns (Jochen, Floh und mich) am Mittwochmorgen ab Duisburg auf die 750 Kilometer lange Tour in die Normandie. Quer durch Paris war wie zu erwarten ein wenig zäh, danach wurd’s zunehmend einsamer, begleitet von immer nebligerem und dunkleren Wetter – die ersten Bilder der Fotostrecke zeigen das glaube ich ganz gut.
Unterbringung super, das Essen mitten in einem zum Restaurant umfunktionierten Schulgebäude mitten im Nirgendwo war spektakulär, so ging’s am Donnerstag Vormittag zum Aussuchen einer Vorführmöglichkeit und zur Installation unseres Krams. Wir haben ein hübsches ebenerdiges Plätzchen in einem mittelalterlichen Gebäude gefunden, das sich sogar akustisch wegen kompletter Asymmetrie und einer groben balkengestützten Dielendecke ausgezeichnet machte. Wir haben uns mit Andrejs Staltmanis zusammengetan, der, wie schon neulich beim Analog-Forum, unseren Cheap Trick 300 im Kofferraum hatte. Und wo Andrejs ist, da darf Arkadi nicht fehlen, der später am Tag mit einer seiner unverwechselbaren Verstärkerkreationen auflief. Diesbezüglich darben mussten wir auch so nicht: Die von Bernd B., der diesmal leider keines der begehrten ETF-Plätzchen ergattern konnte, entwickelten GM70-Monos mit MosFet-Treibern machten einen tollen Job bei der Ansteuerung sowohl der SpecHörner als auch der Laniakea, unserem erst vor Ort fertiggestellten Edel-Zweiwegeprojekt mit Scan Speak-Bestückung.
Irgendwie würde mir was fehlen, wenn ich beim ETF nicht noch schnell ein Paar Frequenzweichen bauen müsste…
Ich sag’s zwar nicht gerne, aber unsere in jeder objektiven Hinsicht besseren Edelböxchen hatten gegen die rohe Gewalt der Hörner nicht den Hauch einer Chance, allgemeine Akzeptanz zu finden. Noch nicht mal bei mir als Erbauer. Also haben wir uns bis auf wenige Stunden Ausnahme mit den Hörnern gefönt und hatten großen Spaß dabei, zumal der günstige Sica-Breitbänder dank einer geheimnisvollen Membranbeschichtung aus dem ganz tiefen Osten Europas nochmals kräftig zugelegt hat.
Lief für uns, soviel steht fest. Ziemlich großartig sogar.
Und bei den anderen? Da gab’s natürlich zuerst einmal das große System, der zentrale Anlaufpunkt eines jeden Triodenfestivals, im „Main Room“ einmal schräg über die Straße beheimatet. Diesmal gab’s zwei diverse Quadratmeter große Schallwände mit je drei leicht unterschiedlich angewinkelten Siemens-Klangfilm-Koaxialwandlern, die hier Monsieur Jean Hiraga himself einrahmen. Dabei hanelte es sich um eine artgerecht verbaute „Breitstrahlergruppe C72000-B2200-C54-2“. An diesem System hing das so ziemlich irrste Röhrenendstufenkonzept, das ich je gesehen und gehört habe: zwei je zweiteilige Monos, bei denen End- und Treiberröhren in weiten Grenzen austauschbar waren, das ging hinauf bis zur gewaltigen GM100, die das Aufmacherfoto oben zieren. Aber auch ein Pärchen TB5/2500 würde das Beheizen eines Wohnzimmers schon ziemlich souverän hinbekommen. An den Lautsprechern wurde auch das diesjährige Shootout ausgetragen, das Thema war – wen wundert’s – Single-Ended-Verstärker mit direkt geheizten Trioden. Gewonnen hat eine Konstruktion mit 100TH-Endröhren, die ursprünglich aus Japan stammte. Die Veranstaltung allerdings ist weitgehend an mir vorbeigegangen.
Unbedingt erwähnt gehört das internationale Projekt, bei dem „die Amis“ federführend agierten. Die beiden Wahnsinnigen Dave Slagle und Jeffrey Jackson lassen es sich ja seit Jahren nicht nehmen, allerlei exotisches Röhrentreibgut mit aufs ETF zu bringen und es mit der Unterstützung vieler kaum weniger Irrer in etwas sehr Besonderes zu verwandeln. Ich habe keine Ahnung, wie die Jungs es in jedem Jahr schaffen, nennenswerte Mengen von Quecksilber in leicht radioaktiv strahlenden Röhren aus den USA heraus und in die EU hinein zu bekommen. In diesem Jahr wurde die Herren übrigens wieder einmal von Herb Reichert begleitet, US-Audio-Journalistenlegende, Künstler und ausgesprochen ausgesprochen liebenswerter Mensch, den ich leider viel zu selten treffe.
In diesem Jahr ist bei den gemeinsamen Bemühungen ein absolut bemerkenswertes Mono-System herausgekommen, zu dem Tim Gurney ein Basshorn beigesteuert hat. Ich vermute mal, das für den Mittelhochtonpart zuständige Western Electric 24a dürfte auch aus seinem Fundus stammen. Horntreiber? Handmade in Germany by Dietmar H. natürlich.
Gut gefallen hat’s mit mir auch bei einer der französischen Demos. Ich muss gestehen, dass ich das Setup mit drei Altec A7 und und aktivem Sub nicht ganz verstanden habe, aber jedenfalls klang’s klasse.
Der ganz eindeutige Star der Show in Bellême war jedoch – Bellême. Als wir am Mittwochabend im dichten Nebel dort ankamen, war ich noch nicht überzeugt, am nächsten Morgen bei strahlend blauem Himmel jedoch war ich dem Charme der Lokalität binnen Minuten erlegen. Das mittelalterliche Ambiente in Kombination mit ganz viel französischer Lebensart ist eine Kombination, der man sich nur schwer entziehen kann.
Kommen wir wieder im nächsten Jahr? Aber sowas von. Und auch wenn Sie’s nicht so mit Röhren und Hörnern haben, kann ich einen Aufenthalt dort absolut empfehlen: Das ist ein magischer Ort.

Ja, klar, Bilder. Die ganze Show gibt’s beim Klick auf eines der Fotos oben oder hier.

[Edit 29.11.]: Zwei Korrekturen in Sachen Lautsprecher im „Main Room“ und beim Sieger des Shootouts eingefügt. Mein Dank an Frank Schröder für die Fakten!

5 Gedanken zu „European Triode Festival 2018

  1. Carsten Esch

    Hallo,
    Ich bin gerade dabei mir ein Paar A7 mit aktiver Subunterstützung aufzubauen.
    Da ich aber zufälligerweise drei 511er Hörner habe, könnte ich also noch eine dritte in
    Angriff nehmen.
    Wie lief denn das ganze auf dem ETF?
    Beide Kanäle zusammen als Center?
    Ich glaube von Klipsch gabs früher mal so was ähnliches mit zwei Eckhörnern und einer
    Cornwall als Center.
    Gruß
    Carsten

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  2. hoschibill

    Hallo Holger :)
    Toller Bericht, tolle Bilder (wie immer ;)). Vielen Dank dafür. Habe ich das richtig gesehen, dass noch ein Spechorn da war?

    Gruß Olli

    Antworten
      1. hoschibill

        Jo, wir haben auch diverse Breitis versucht. Richtig gut geht nur der 1100er Sica. Für den ist das Horn auch entwickelt worden ;).

        Antworten

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